Reisebericht: Besuch Region Fukushima vom 1. Oktober bis 8. Oktober 2014

Der geplante Atomausstieg ist für mich ein wichtiges Thema. Deshalb besuchte ich Fukushima in Japan anlässlich einer Studienreise, organisiert von Green Cross, selbstverständlich auf eigene Kosten. Ich wollte mir selber ein Bild machen, wie es den Menschen in Fukushima nach dem schrecklichen Atomumfall vor drei Jahren geht. Auf der Reise wurden wir von Green Cross-Mitarbeitern vor Ort und dem Ingenieur Naka, der dem Atomkraftwerk Fukushima Daiichi damals am 11. März 2014 vorstand, begleitet. Bei den Aufräumarbeiten nach dem Reaktorunfall war Herr Naka von Anfang an dabei. Die Japaner sind eher zurückhaltend, nicht aber Herr Naka. Er zeigte uns auf, weshalb dieser schwere Unfall passieren konnte und dass die Regierung auch Schuld an der Katastrophe trägt. Er erzählte uns, dass er der Regierung und der Tepco (Betreiber) mehrmals mitgeteilt habe, dass die elektrische Versorgung bei einem totalen Ausfall der Elektrizität ein Problem wäre und zur Katastrophe führen könnte. Genau das passierte! Die Firma Tepco und die Politiker sind in Japan sehr eng verknüpft. Sie fanden es nicht notwendig, die entsprechenden prophylaktischen Massnahmen zu ergreifen.
Atomkraftwerk Fukushima Daiichi
Wir lebten einige Tage in der Stadt Koiyama mit 330 000 Einwohnern, das 70 km vom havarierten Atomreaktor entfernt liegt. Die Stadt Fukushima befindet sich ca. 80 km vom AKW entfernt und hat 290 000 Einwohner. Die Kontamination war unterschiedlich stark, was auf die Windverhältnisse zurückzuführen ist. Das 200 km entfernte Tokyo hatte grosses Glück: Die 36 Millionen Einwohner zu evakuieren wäre unmöglich gewesen.

Tomioka mit 16 000 Einwohnern liegt 10 km vom havarierten Kraftwerk entfernt und musste wegen der radioaktiven Strahlung geräumt werden. Zudem hat auch die bis zu 25 Meter hohe Tsunami-Welle der Stadt sehr zugesetzt. Der Bahnhof ist ca. einen Kilometer von der Küste entfernt und wurde vollständig zerstört. In Tomioka starben 99 Menschen.
Die Natur nimmt von der Stadt Tomioka Besitz
ich hat beindruckt, dass die Menschen alles Kontaminierte zurückgelassen haben. Niemand stiehlt die vielen noch brauchbaren Gegenstände, was in Tschernobyl anders war. Es leben heute noch Menschen mit kontaminierten Gegenständen, die aus den Wohnungen in Tschernobyl entfernt und verkauft wurden, ohne dass es die Besitzer wissen.
Die Stadt Tomioka ist menschenleer, eine Geisterstadt mit wunderschönen Häusern. Den Leuten hier ging es gut. Lange durften wir uns hier ohne Schutzkleider nicht aufhalten. Der Dosimeter gab 3 Millisievert (3 mSv) pro Stunde an. Das ist eine sehr hohe Dosis und würde pro Jahr eine Belastung von 300 mSv ergeben. Zum Vergleich: In der Schweiz wird eine jährliche Belastung von 1 mSv akzeptiert. Ab 100 mSv muss vermehrt mit Krebserkrankungen gerechnet werden. Die Kleider mussten wir nach diesem «Besuch» am Abend separat behandeln, die Haare und die Schuhe waschen.

Die Leute von Tomioka wurden nach dem Reaktorunfall evakuiert und lebten 3 Monate in Turnhallen. Dann erhielten sie eine Wohnung als Provisorium zugeteilt, die etwa 3 m breit und 8 m lang ist, wobei alles auf dieser Fläche hineingepfercht ist: Küche, Nasszelle, Schlafen, Leben. Nach drei Jahren kann die Bevölkerung nun in neu gebaute Wohnungen einziehen. Diese werden per Losentscheid zugeteilt.

Viele junge Menschen sind weggezogen. In diesen Provisorien leben vorwiegend betagte Menschen oder solche, die im AKW Aufräumarbeiten verrichten.

AKW und Aufräumarbeiten

Die Menschen säubern die Böden, indem sie eine 15 cm dicke Erdschicht abtragen.
Die kontaminierte Erde wird in
Plastiksäcke verpackt und niemand weiss wohin damit, weil niemand diese Erde lagern will. Die Abfallsäcke türmen sich im ganzen Bezirk Fukushima!.

Bis auf zwei Kilometer durften wir uns dem havarierten AKW-Reaktor nähern. Hier stehen wir auf der Küste es geht bedrohliche 10-15 Meter hinunter und wir blicken auf das havarierte AKW. Die Welle, die das AKW zerstörte türmte sich bis zu 25 Meter Höhe.
Klippe mit Blick auf das havarierte AKW
Im Haus hinter uns, unglaublich schön gelegen, wurden die unteren Fenster von der Tsunami-Welle eingedrückt. Man kann es sich fast nicht vorstellen, dass die Welle diese Höhe in dieser Wucht erreichen konnte.
Beschädigtes Haus
Das AKW von Fukushima liegt auf Meereshöhe und war unmittelbar der Kraft des Wassers ausgesetzt. Die etwa 6 Meter hohe Schutzmauer konnte der Welle nichts entgegenhalten. Ursprünglich war der Bau des AKW auf der Klippe geplant. Dann hätte man das Meerwasser zur Kühlung aber heraufpumpen müssen, weshalb man sich dagegen entschied. Das Ausmass der Zerstörung ist kaum zu erfassen. Das kontaminierte Wasser läuft einfach ins Meer.
Eis soll in Fukushima die Lösung bringen: Mit moderner Gefriertechnik soll verhindert werden, dass über das unterirdische Kanalsystem hochradioaktiv belastetes Wasser in die Umwelt gelangt. Der Betreiber Tepco musste eingestehen, dass die Ausführungen und Kosten von 56 Milliarden Franken nicht funktionieren. Die Versuche, den Fluss von hochradioaktivem Wasser zwischen den Blöcken 2 und 3 zu stoppen, seien bis heute gescheitert, so Herr Naka. Im Atomkraftwerk arbeiten 5000 bis 6000 Arbeiter. Die Äquivalentdosis, der ein Arbeiter pro Jahr ausgesetzt sein darf, wurde vom Staat von 100 mSv auf 250 mSv erhöht.

Die Wälder sind für die Menschen zu einem Problem geworden. Sie haben die Radioaktivität aufgenommen und geben sie in die Atmosphäre ab und bei der Entwässerung an die Erde zurück. Das Ziel ist es, in einer 50 Meter breiten Schneise entlang der Autobahn alle Bäume zu fällen, damit die Autos bei der Durchfahrt im Bezirk Fukushima weniger kontaminiert werden. Dieses Unglück ist eine «never ending story». Es wird Jahrzehnte dauern, bis einigermassen aufgeräumt ist und Menschen dort wieder leben können.

Familien-Clubs

Green Cross hat in den Städten Koriyama und Fukushima Familien-Clubs eingerichtet. Sie erhalten Infos über die Situation an ihrem Wohnort, was sie beachten und wo sie sich nicht aufhalten sollen. Die Club-Mitglieder demonstrierten uns, wie man kontaminiertes Gemüse, z.B. Zwiebeln auf Radioaktivität prüfen kann. Aber sie zeigten uns auch, dass an gereinigten Orten die Dosimeter der Regierung platziert sind und ca. 0,2 mSv pro h angeben. Wenn man aber in der Umgebung, besonders in Parkanlagen, selber misst, kann der Dosimeter bis zu 1,7 mSv pro h angeben. 0,2 mSv pro h ergibt eine Belastung von 20 mSv pro Jahr. Die Menschen werden also schon in fünf Jahren eine Belastung von 100 mSv haben und werden prädisponiert für Krebserkrankungen sein. Sie schützen sich, indem sie wenig ins Freie gehen. Kinderspielplätze wurden in den Turnhallen eingerichtet. Draussen darf kein Gräslein berührt werden. Das ist schwierig für die Kinder. Green Cross hat eine Ferienanlage in einem nicht kontaminierten Bezirk für diese Kinder eingerichtet. Dort dürfen sie sich während der Ferien im Freien tummeln.
Kinderspielplatz indoor

Die Studienreise war belastend und zeigt uns PolitikerInnen auf, welche Verantwortung wir für das Wohl der Menschen in der Schweiz tragen. Wie wichtig die Energiewende zur Sicherheit der Bevölkerung ist. Die Probleme, die die Menschen in Japan haben sind kaum zu überwinden.
Fazit: Einen Atom-Unfall wie Fukushima können wir uns in der Schweiz nicht leisten!

Nach den negativen Eindrücken besuchten wir am 7 Tag unserer Reise Kyoto und bewunderten einige schönen kulturellen Bauten der Japaner.

Kyoto Goldener Tempel.